Ein Foto aus Indiana

Wegen der unerwarteten Ereignisse auf der Rückseite des Hochzeitsbildes von Franziska und Louis (Louis ausgeraubt und erschlagen) war ich letztens gar nicht mehr dazu gekommen, das andere Foto in Augenschein zu nehmen, das im Album klebte. Es handelt sich um ein Bild von Louis, das ich noch nie zuvor gesehen hatte.

Es ist ein Bild aus Amerika. Und es ist neben der Schiffsliste bisher der einzige Beweis dafür, dass er je dort war. Louis war tatsächlich in Amerika in ein Fotostudio gegangen und hatte eine Aufnahme von sich machen lassen. Wahrscheinlich hatte seine Familie in Sachsen nach einem Foto gefragt, oder er kam selber auf die Idee. Da er aber ein Mann war und auf solchen Schnickschnack bestimmt keinen Wert legte, wird die Vermutung mit der Familie schon ganz richtig sein.

Ich denke auch, es wird ihm peinlich gewesen sein, sich fotografieren zu lassen. Mich hat das Foto jedenfalls erschüttert. Der Mann auf dem Bild ist zwar durchaus attraktiv – auch wenn ich ehrlich gesagt (vielleicht gerade deswegen) keine Ähnlichkeit zu dem Mann auf dem Hochzeitsbild erkennen kann. Die Frisur ist fesch, die Augen stechend, wahrscheinlich blau. Aber er macht bei näherem Hinsehen doch einen recht erbärmlichen Eindruck. Seine Jacke ist über der rechten Brust über mehrere Zentimeter geflickt, und unter dem linken Auge hat er etwas auf der Haut. Ich hoffe, es war ein Pickel mit einem Kreis drumrum. Und keine Krankheit.

Louis Rößner Foto

Wer geht mit einer geflickten Jacke zum Fotograf? Jemand, der keine andere hat. Und das macht mich traurig. Klar, vielleicht kam gerade zufällig ein Fotograf vorbei, Louis war beim Bäumefällen und hatte seinen Sonntagsanzug nicht griffbereit … aber ehrlich, das glaube ich selbst nicht. Fein gemacht hat er sich jedenfalls nicht. Dieses Jackett war das beste, was er hatte. Da sitzt ein sehr, sehr einfacher Mann. Dass er dann noch Geld ausgibt, um ein Foto von sich schießen zu lassen, tut mir fast schon weh.

Ich könnte nicht mal sagen, wie alt er auf dem Foto ungefähr ist. Er hat Spuren von Grau im Bart und auf dem Kopf. Er hat Falten um die Augen und tiefe Furchen zwischen Nase und Mund. Aber ob er 50 war oder 60 – ich habe kein Gefühl dafür. Wenn er tatsächlich so arm war, wie ich es aufgrund des Bildes annehme, kommt 50 wohl eher hin. Da er 1885 mit 33 ausgewandert ist, müßte das Bild in dem Fall um die Jahrhundertwende entstanden sein.

In der oberen rechten Ecke ist zwar der Abdruck des Poststempels zu erkennen, der auf den Brief gedrückt wurde, in welchem Louis das Foto nach Europa schickte. Aber leider ist außer „SEA…“, wahrscheinlich für SEAMAIL, nichts zu erkennen. Ein Datum wäre natürlich sehr hilfreich gewesen.

Dem Foto kann ich einzig aufgrund der linken unteren Ecke etwas abgewinnen. „Bick’s Studio“ steht da, und unter dem Logo „Hammond“. Auch wenn der Bundesstaat dem Abschnitt zum Opfer gefallen ist, ein IND. kann man so ungefähr erahnen. Und laut Google Maps gibt es auch nicht viele andere Hammonds als eben jenes in Indiana.

Hammond ist übrigens gar nicht weit von Chicago. Heute ist es im Prinzip ein Vorort der großen Stadt. Damals war es ein Ort mit vielen Fabriken, die meisten von ihnen entstanden Ende des 19. Jahrhunderts. Angefangen hat alles mit einem Schlachthaus, später kamen Kohle und Stahl dazu. Gut möglich also, dass Louis ein Fabrikarbeiter geworden war. Während sein Heimatort noch heute ein gemütliches Dorf ist, wurde Louis vielleicht schon vor 100 Jahren in die Moderne katapultiert.

Hammond. Das ist der beste Hin- und Beweis in meiner bisherigen Suche! Vielleicht war Louis ja wirklich mit Fritz Richter nach Chicago gegangen, vielleicht war wirklich er es, der in Chicago Ernestine Levy geheiratet hatte, und vielleicht sind sie dann einfach weitergezogen. Nach Hammond, Indiana.

P.S. Ich habe nun heute so oft Louis’ Foto angeschaut, dass ich mich vorhin tüchtig erschreckte, weil ich beim Abendbrot meinen Vater anschaute und für einen Moment Louis in ihm durchzublitzen schien. Es sind die Augen!

Bilderrätsel

Vor einigen Monaten verstarb eine recht entfernte Verwandte: die Frau des Cousins meines Vaters. Eigentlich hatte ich darauf gehofft, ihr Haus am Zuger See zu erben. Stattdessen bekam ich ein Fotoalbum in die Hand gedrückt. Klar, es sind ja manchmal die kleinen Dinge, die einem Freude machen. Vor allem mir. Ab und zu kaufe ich mir tatsächlich Tagebücher und Fotoalben von Stockfremden, bei ebay oder auf dem Flohmarkt zum Beispiel. Das ist dann wie Fernsehen. Man guckt in fremde Leben rein wie von der Straße in beleuchtete Wohnzimmer und fragt sich, wer diese Menschen sind.

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Ich komm nie mehr, ich bin in Chicago

Alle sprechen von Concordia, und dann geht keiner hin. Das ist nicht nur für Concordia fies, sondern vor allem für die Ahnenforscherin. Denn Ahnen kommt nicht von Ahnung, sag ich mal so.

Ich kehrte zur Kumpeltheorie zurück und schaute mir diesen anderen sächsischen Bauer noch mal an, der mit meinem Ururopa auf dem Schiff war. Er hieß Friedrich Richter. Und wie schon festgestellt wollte er nach Chicago. Vielleicht hatte er schon einen Job als Gangster sicher.

Da dachte ich mir, mein Ururopa ist eigentlich langweilig, und wer weiß, der Friedrich Richter hätte sich vielleicht gewünscht, ihn würde mal jemand suchen. Und überhaupt, wer sagt eigentlich, dass mit Ahnenforschung nur die eigenen Ahnen gemeint sind? Richters Fritz. Dich würde ich schon finden. Und wenn Du mit meinem Ururopa best friends warst, dann auch ihn. Weiterlesen

Gruppenzwang im 19. Jahrhundert

Concordia hatte mir also kein Glück gebracht. Wo war nur der Ururopa? Nicht nur, dass ich ihn nicht gefunden hatte, ich wußte auch nicht mehr, wo ich noch nach ihm suchen sollte. Er hatte keinerlei Spuren hinterlassen. Vielleicht ist er nach Kanada weitergezogen, dachte ich mir so und denke ich eigentlich immer noch ein bißchen. Das würde erklären, warum ich bisher keine Sterbeurkunde von ihm gefunden habe – denn in Kanada habe ich noch nicht nachgeguckt. Andererseits sind die death records vieler US-amerikanischer Bundesstaaten auch (noch) nicht online verfügbar. Die einzige Alternative wäre hier, alle Bundesstaaten online oder per Brief abzugrasen, ob er dort nicht zufällig gestorben ist.

Einige Monate nach meinem ergebnislosen Besuch in Concordia saß ich in Kanada rum. Es war kalt, ich hatte Zeit und einen seidenen Faden, an den ich mich klammern konnte: Die Schiffsliste. Diese ist schließlich die einzige Quelle, die belegt, dass mein Ururopa ausgewandert ist. (Okay, eine andere gibt es noch, aber dazu später. Nein, der Ururopa ist immer noch nicht aufgetaucht.) Also habe ich mir diese Schiffsliste mal etwas genauer angeschaut. Wenn mir schon mein Ururopa nicht weiterhelfen konnte, dann vielleicht ein Mitreisender vom Schiff?

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Concordia, Missouri

Das Rätsel, warum mein Ururopa 1879 auswandert und 1885 erst in Amerika ankommt, habe ich bis jetzt nicht lösen können. Und das Rätsel ist bestimmt schon 10 Jahre alt. Aber schon damals dachte ich mir: Wenn Du mal nach Concordia, Missouri, kommst, bist Du eine Ecke schlauer. Weiterlesen

„Zuletzt kam Amerika doch. Da waren wir alle froh.“ Ein Buchtipp

„Lieber Freund, Du siehst, das ist wirklich wahr geworden, was der Tagelöhnerjung im Hornkatener Sand von den beiden Hernden träumte, als er auszog in ein fremdes Land. Wir haben alles plenty: plenty Land und plenty Vieh. Aber es kostete auch plenty Schweiß.“ Jürnjakob Swehn zieht Bilanz über seine Auswanderung nach Amerika: Der Mecklenburger Tagelöhner war 1868 ins neue Land aufgebrochen und hatte dort sein Glück gefunden. Im fortgeschritteneren Alter schrieb er seine Erlebnisse auf. Ob es um Läuse auf der Überfahrt geht oder die Weltausstellung in Chicago, Swehn schreibt so lustig, klug und grenzenlos optimistisch über seine Reise, das Leben und über Amerika, dass man mit ihm gerne mal ein Bier trinken würde.

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Die verlorenen Jahre

1885 in New York gelandet, aha. Wo hat der eigentlich die ganze Zeit gesteckt? Entschuldigung, jemand wandert 1879 aus, kommt aber erst 1885 an – ein bißchen verarscht kommt man sich da schon vor.

Variante 1): Die Stadtverwaltung hat beim Friseur davon gehört, dass er „durch Kauf nach Amerika“ gelangt ist, und trägt das mal eben schön in die Akten ein. In Wirklichkeit sitzt mein Ururopa zu Hause auf der Hollywood-Schaukel und denkt noch geschlagene sechs Jahre, er käme um diesen ganzen Amerikakram drumrum. Was soll er schließlich dort, ist doch auch in Deutschland schön. Irgendwann aber drückt das Portemonnaie so doll, daß er doch losmuß. Oder die Leute von der Bar kommen vorbei und sagen noch mal freundlich, dass das kein Scherz war damals, als sie ihm diesen special deal angeboten haben. Sondern daß sie ihre Brüder holen, wenn das nicht bald mal aufs Schiff geht. Also fährt er nach Amerika. Weiterlesen

To do: Liste

Hamburch, ne. Freut mich für meinen Ururopa, dass er das auch noch gesehen hat. Wenn er denn nicht schnurstracks zur Ballinstadt gedüst ist. Sondern einen Abstecher in die Stadt gemacht hat.

Dazu hatte er aber vielleicht kein Geld. Von Leipzig aus, und das war damals schon ne Ecke vom Dorf meines Ururopas weg, brauchte eine Zug 24 Stunden nach Bremen. Nach Hamburg also nicht viel weniger. Wenn er sich dann noch verlustierte und somit Geld für Essen und Unterkunft brauchte… das wäre ja ganz schön teuer geworden. Aber man sagt meinem Ururopa ja einen Hang zum Alkohol nach. Wer weiß, so ne Pulle Küstennebel… Weiterlesen

Hamburg, Bremen, Hamburg, Bremen?

Was genau die Umstände waren, durch die mein Ururopa nach Amerika gekommen war, wissen wir also nicht. Aber eins steht fest: Er muss mit dem Schiff dahin gefahren sein. 1879, ist ja klar, gab’s noch keine Flugzeuge. Stattdessen teilten sich Reisewillige fein säuberlich in Klassen ein und fuhren First oder Holz. Ganz wie wir das von der Titanic kennen. (Just vorgestern vor 175 Jahren wurde übrigens die Cunard-Linie gegründet, die neben Paketen und Post auch Hunderttausende Auswanderer von Europa nach Amerika transportierte. Der Kanadier Cunard hatte Boston als Heimathafen der Schiffslinie ausgesucht, und das fanden die Bostoner so toll, dass Cunard mehr als 1800 Dinner-Einladungen bekam. Wer soll denn das alles essen?) Und heute ist es immer noch so. Anders als heute im Flugzeug wurden im Schiff aber sprichwörtlich die sozialen Schichten übereinandergeschichtet. Oben reich, unten einigermaßen verzweifelt, und noch weiter unten hatte man erst recht nichts zu verlieren. Weiterlesen

Der verkaufte Ururopa

Kirchenbücher: check.

Un nu, ums mal sächsisch auszudrücken? Nun geben wir auch dem Staat Gelegenheit, seine Verwaltungskompetenz unter Beweis zu stellen. Schließlich wohnen wir in Deutschland. Irgendeine Behörde hat doch bestimmt Infos über meinen Ururopa gesammelt. Aber welche Behörde könnte das gewesen sein, und wo liegen diese Infos heute?

Ich habe damals bei den Gemeindearchiven nachgefragt, die sich in der Nähe des Dorfes meines Ururopas befinden. Auch heute könnte man so vorgehen: einfach anrufen und fragen, in welchem Archiv sich Akten zu einem bestimmten Ort finden lassen. Inzwischen gibt es aber auch so schicke Sachen wie das „Digitale Historische Ortsverzeichnis von Sachsen“. Dort kann man über die Ortssuche nicht nur herausfinden, wann ein Dorf oder eine Stadt gegründet wurden, wann wieviele Menschen da gewohnt haben und wie sich der Ortsname im Laufe der Zeit verändert hat (alles hochinteressante Dinge!), sondern eben auch, zu welcher Verwaltungseinheit ein Ort gehörte. Langenstriegis, das Dorf, aus dem mein Ururopa stammte, gehörte bis 1875 verwalterisch zu Hainichen, danach zur Amtshauptmannschaft Döbeln: http://hov.isgv.de/Langenstriegis
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